Von RCSB.org: Structural basis for amino acid exchange by a human heteromeric amino acid transporter. Wu, D., Grund, T.N., Welsch, S., Mills, D.J., Michel, M., Safarian, S., Michel, H. (2020) Proc Natl Acad Sci U S A 117: 21281-21287

Wirkstoffe in die Zelle: Seed-Finanzierung für iDEL mit einem Wunder-Shuttle

Das neue Dortmunder Biotech-Unternehmen iDEL Therapeutics startet mit einer Seed-Finanzierung von 9 Mio. Euro und will eine neue Klasse von Krebsmedikamenten entwickeln. Die Runde wurde vom Schweizer Frühphaseninvestor BiomedVC angeführt, weitere Geldgeber sind NRW.Venture, Gründerfonds Ruhr und der KHAN Technology Transfer Fund II.

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Wirkstoffe in die Zelle hineinbringen, daran arbeiten viele, und viele Versprechungen haben dem genauen Nachbohren dann nicht so recht standgehalten. Nun macht sich ein erfahrenes Gründerteam in Nordrhein-Westfalen auf, diese Versprechungen mit Hilfe eines eher zufällig gefundenen Transportsystems einzulösen. Einige Investoren konnte das in Dortmund ansässige Start-up iDEL überzeugen. Mit dem eingeworbenen Geld arbeitet es weiter an einer Technologie, die Wirkstoffe direkt in das Zellinnere von Tumorzellen transportieren soll.

Damit adressiert das Unternehmen ein zentrales Problem vieler moderner Therapeutika: Große Moleküle wie Antikörper gelangen häufig nicht effizient in die Zelle, weil sie in sogenannten Endosomen eingeschlossen und anschließend abgebaut werden. Die Wirkstoffe auf RNA-Basis benötigen eine Lipidumhüllung für den Zellmembrantransfer, diese kann aber nur über weitere Kniffe zellspezifisch adressiert werden. Die von iDEL entwickelte „Shuttle“-Technologie soll dieses Hindernis umgehen und so den direkten Transport in das Zytosol ermöglichen.

Zelltransporter als „Sesam-öffne-dich“ für den Wirkstoff

Das Besondere an dem Ansatz liegt damit weniger in einem einzelnen Wirkstoff als in der zugrunde liegenden Delivery-Technologie: Sie soll eine zentrale Hürde der modernen Onkologie überwinden – den effizienten Transport von Wirkstoffen ins Zellinnere – und damit potenziell eine Reihe bislang als „undruggable“ angesehene intrazelluläre Zielproteine therapeutisch erschließen. Gleichzeitig soll die Plattform sowohl mit kleinen Molekülen als auch mit größeren Wirkstoffformaten – etwa Nanobodies oder zytotoxischen Wirkstoffkomponenten – kompatibel sein. Ziel ist es, mehrere Programme gegen solide Tumoren bis zur klinischen Entwicklung zu führen.

Mit dem frischen Kapital will iDEL zunächst zwei eigene Leitprogramme weiterentwickeln und präklinische Wirksamkeitsdaten ausbauen. Langfristig sieht das Unternehmen seine Technologie auch als Plattform für Partnerschaften mit Pharmafirmen, um neue intrazelluläre Wirkstofftargets therapeutisch zugänglich zu machen.

Die NRW-Boygroup

Mtgründer Marcus Kostka hat das Spiel schon mehrfach gespielt. Er half dabei, Abalos Therapeutics aufzusetzen und den Ansatz bis in die klinische Phase I zu bringen. Bei MODAG begleitete er die Entwicklung von Wirkstoffen und Diagnostika im Parkinson-Bereich bis zur Partnerschaft mit Teva. Seine Rolle beschreibt er so: „Mein Schwerpunkt ist es, die richtigen Leute zusammenzubringen, um die Translation einer spannenden Entdeckung hinzubekommen. Bis eine Pharmafirma dann signifikant Geld in die Hand nimmt, diese Zeit überbrücken zu helfen – das ist in Deutschland eine Herausforderung, aber man kann es schaffen.“

Nun ist Kostka Teil des Gründerteams um Dr. Andreas Briel vom Berliner Unternehmen nanopet pharma. Der wissenschaftliche Ausgangspunkt ist ungewöhnlich: Die Technologie geht auf einen Zufallsfund aus der Berliner Kontrastmittelforschung zurück, die einst aus der Schering-Bayer-Fusion als eigene Einheit entstand. Dabei zeigte sich, dass ein bestimmter Transporter Farbstoffe ins Zellinnere beförderte, der in Tumorzellen überexprimiert ist – kein klassisches Krebstarget, eher ein Nebeneffekt der veränderten Zellbiologie, der sich nun als Einfallstor nutzen lässt. Entscheidend ist, dass dieser Transporter seinen Cargo direkt ins Zytosol schleust, nicht ins Endosom. Das bedeutet: Das intrazelluläre Targeting ist gewissermaßen bereits im System integriert, ohne dass ein zusätzlicher Escape-Mechanismus entwickelt werden müsste.

Das erste Programm setzt auf einen Single-Domain-Antikörper gegen ein intrazelluläres Onkotarget, intravenös appliziert. In präklinischen Modellen wurden signifikante Tumorschrumpfungen beobachtet. Diese In-vivo-Daten haben die ersten Investoren zum Staunen gebracht. NRW.Ventures, der KHAN Fonds, Aristoteles Nastos von BiomedVC – das regionale Netzwerk von seriellen Biotech-Gründern hat sich nun bei iDEL erneut zusammengefunden. Das zweite Programm verfolgt einen Multi-Cancer-Drug-Conjugate-Ansatz. Weil kein tumorassoziiertes Antigen benötigt wird, könnte die Plattform prinzipiell breit einsetzbar sein, auch siRNA wurde bereits erfolgreich erprobt. Das Plug-and-play-Potenzial für verschiedene Payloads ist ein wesentlicher Teil des Versprechens.

Validierung macht (hoffentlich) Hunger auf mehr

Das therapeutische Fenster muss gleichwohl sorgfältig abgeklärt werden: Der Transporter darf in wichtigen Organen nicht in relevantem Ausmaß exprimiert sein. Genau das ist Gegenstand der laufenden Validierungsarbeiten. Dafür ist das Geld nötig, für das Kostka nun ein Jahr Klinken geputzt hat. Der Markt für Delivery-Plattformen ist voll, die Konkurrenz groß. Der Unterschied, den das Team betonen will: Es liegen In-vivo-Daten vor. Die können nur wenige Mitbewerber vorweisen. Mit den verfügbaren Mitteln sollen nun höchst kosteneffizient relevante Daten generiert werden, die Klarheit schaffen, ob und wie eine Phase I erreichbar ist. Parallel beginne er die übliche Roadshow zu den größeren Partneringveranstaltungen, um sowohl Investoren als auch potenzielle Kooperationspartner für Payloads anzusprechen. „Der Appetit der Investoren muss aber noch ausgetestet werden“, gibt Kostka eine ehrliche Einschätzung der Lage.

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